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10.02.2025, 12.04

Im «Pilgermodus» verlasse ich an einem eiskalten Montagnachmittag in Cham den Zug. Die Januarsonne scheint milchig-weiss, in meinem Rucksack trage ich eine Kanne gefüllt mit heissem Tee und eine kleine Stärkung mit mir, in meinem Hosensack steckt ein kleiner Rosenkranz.

Gespannt blicke ich hoch zur Pfarrkirche. Hier soll mein Pilgerweg beginnen. Dieser führt während des Heiligen Jahres 2025 von der Kirche St. Jakob in Cham zur Kirche Gut Hirt in Zug. Eine Zeitlang betrachte ich den Jakobsbrunnen unmittelbar neben der Kirche, erstmals nehme ich ihn bewusst wahr. Danach lasse ich den Kirchenraum der barocken Kirche St. Jakob auf mich wirken. Vergebens suche ich nach einem Hinweis, dass hier der Pilgerweg beginnt. So verlasse ich mich auf die Navigation meines Mobiltelefons und breche auf.

Jakobsbrunnen. | © Marianne Bolt

Als Ortsunkundige konzentriere ich mich anfangs in erster Linie darauf, den Weg via Lorzenbach und Hirsgarten zu finden. Dennoch bin ich innerlich gesammelt. Der Weg führt an der Schlossanlage St. Andreas vorbei. Ich habe den Tipp erhalten, die Kapelle St. Andreas aufzusuchen. Im Innenraum treffe ich auf ein ein spätmittelalterliches Kleinod, das im Jahr 1488 einen frühmittelalterlichen Vorgängerbau an gleicher Stelle ersetzt hat. Unmittelbar vor dem Altarraum führt eine schmale Treppe ins Untergeschoss. Dort sind noch einige Überreste des frühmittelalterlichen Kirchbaus erkennbar. Dankbar wärme ich mich auf, während ich in einer Kirchenbank sitze, den typischen Duft alter Kirchenmauern einatme und den Kirchenraum betrachte. Und ebenso dankbar bin ich, als ich draussen vor der Kapelle meinen verloren geglaubten zweiten Handschuh wiederfinde.

Kapelle St. Andreas. | © Marianne Bolt

Nun führt mich der Weg aus Cham hinaus. Ich bin froh, mein Navigationsgerät in meine Tasche stecken zu können. Ein Wegstück zwischen Himmel und Erde, geht es mir durch den Kopf. Links das Eisenbahngleis, im Hintergrund ist die Strasse zu hören. Rechts von mir ein unbebauter Landstrich bis zum See.

Vergeblich versuche ich den Rosenkranz zu beten. Meinen klammen Fingern gelingt es nicht, nach den einzelnen Perlen zu greifen. So stecke ich ihn wieder in meinen Hosensack und lasse meine Schritte vom Bruder Klausen-Gebet und von der Stille begleiten.

Rastplatz am See. | © Marianne Bolt

Der Seeuferweg in Richtung Brüggli ist wunderschön. «Das Nacktbaden ist nur auf diesem Strandabschnitt gestattet», lese ich erstaunt und schmunzelnd auf einer Tafel. An einem folgenden Strandabschnitt mache ich Rast, trinke heissen Tee und lasse meinen Blick über das Wasser gleiten. Nicht unweit von mir sitzt eine ältere Dame, die meditiert. Der Ort passt, um im Gebet zu verweilen.

Später führt mich mein Weg an einer Schafweide vorbei. Beim Anblick der Tiere geht mir der Anfang von Psalm 23 durch den Kopf: Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.

Eine herzige Begegnung. | © Marianne Bolt

Beim Erreichen der Schutzengelkapelle sehe ich angsteinflössende Szenen vor meinem inneren Auge. Wer wurde auf der ehemaligen Richtstätte wohl alles hingerichtet, wofür wurden diese Frauen, Männer und Kinder beschuldigt? Die Kapelle ist geschlossen, so mache ich mich schnellen Schrittes in Richtung Gut Hirt auf den Weg. Die Sonne neigt sich, der Biswind ist in den Strassen stärker spürbar.

Mitten im geschäftigen Tun Gott finden – auch das ist möglich. Schülerinnen und Schüler machen sich auf dem Heimweg, im «Gubelloch», der Bahnhofunterführung in Zug, dröhnt der Strassenverkehr, oben fahren Züge durch. Endlich sehe ich die Pfarrkirche Gut Hirt, die Pilgerkirche im Kanton Zug während des Heiligen Jahres. Schon wieder Schafe, denke ich schmunzelnd, als ich die blauen Schafe vor der Kirche entdecke. Ja, der Herr ist wahrlich mein Hirt. Das Lachen kann ich mir fast nicht verkneifen, als ich vor dem Altarraum ein grosses Plakat mit dem Logo des Heiligen Jahres entdecke. Denn davor stehen viele wollene – Schafe.

In der Krypta steht der selbst zu öffnende Tabernakel bereits offen, als ich diese betrete. Es sind einige Personen da, die vor dem Allerheiligsten beten. Für eine Weile schliesse ich mich den Betenden an, dann breche ich auf. Um die Erfahrung reicher, dass auch am geschäftigen Zugersee gepilgert werden kann. Und erneut schmunzelnd. Die Pfarr- und Pilgerkirche Gut Hirt als Ende des Pilgerwegs – passender könnte der Name nach meinen Begegnungen mit den unterschiedlichen Schafen und dem dazu passenden Psalm 23 nicht sein.

Schafe in der Pfarrkirche Gut Hirt, die Pilgerkirche im Kanton Zug während des Heiligen Jahres. | © Marianne Bolt