22.05.2025, 05.00
Seit 100 Jahren begleitet das Kompetenzzentrum Sonnenberg in Baar Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Verhaltensauffälligkeiten oder Beeinträchtigungen wie beispielsweise Blindheit auf ihrem Lebensweg. Anlässlich dieses Jubiläums gibt der Religions- und Erlebnispädagoge Reto Weiss Einblick in die bewegte Geschichte des Sonnenbergs. Und er verrät, wie religiöse und spirituelle Begleitung für junge Menschen mit besonderen Bedürfnissen aussehen kann.
Grüne Laubdächer, ein knisterndes Lagerfeuer und viele tiefgründige Lebensfragen. So sieht Religionsunterricht im Wald mit Reto Weiss aus. Er ist Katechet und Erlebnispädagoge in der sonderpädagogischen Organisation Sonnenberg in Baar, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Verhaltensauffälligkeiten und Beeinträchtigungen begleitet. Neben dem wissensvermittelnden Religionsunterricht im Klassenzimmer und persönlichen Begegnungen mit Angehörigen der Weltreligionen zieht Reto Weiss mit den jungen Menschen immer wieder ins Grün los.
Das Spannende dabei: Auf dem Weg zum Waldplatz und beim gemeinsamen Kochen kommen bei den jungen Menschen viele religiöse und spirituelle Fragen auf. «Den Kindern und Jugendlichen, wie auch uns Erwachsenen hilft diese erdende Basis, um sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen», sagt Reto Weiss. Der Religionsunterricht sah im Sonnenberg jedoch nicht immer so aus.

Reto Weiss während eines Waldtages. Foto: Sonnenberg Archiv
Welche Rolle spielt die katholische Kirche in der Geschichte des Sonnenbergs?
RETO WEISS: «Vor 100 Jahren wurde das Blinden-Institut Sonnenberg in Freiburg gegründet. Die Franziskanerinnen des Klosters Baldegg leiteten es. Damals gab es fünf Lernende. 1981 wurde der Standort in Baar eingeweiht und blieb durch die Arbeit der Ordensleute lange Zeit katholisch geprägt. Heute ist der Sonnenberg – wie auch die Gesellschaft – von religiöser und spiritueller Vielfalt geprägt.»
Wie sieht der Religionsunterricht im Sonnenberg aktuell aus?
«Einen klassischen Religionsunterricht, wie die meisten Erwachsenen ihn erlebt haben, gibt es nicht mehr. In den sehr unterschiedlichen Schulklassen und Lerngruppen lebt mein Unterricht nach Pestalozzis Prinzip ‹Kopf, Herz und Hand›. Lernende, die kognitiv stark sind, erwerben Wissen in den fünf Weltreligionen und lernen auch biblische Geschichten kennen. Seit meinem Stellenantritt 2012 wurden die Waldtage für den gemeinschaftsbildenden Charakter immer wichtiger. Die Religions- und Erlebnispädagogik soll die jungen Menschen in ihrer Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft bestärken und ihnen helfen, im Alltag eine spirituelle Heimat für ihr Herz zu finden. Zudem stehe ich den Menschen im Sonnenberg als Seelsorger zur Seite.»
Wie hat sich das religionspädagogische Angebot in den 100 Jahren verändert?
«Die riesigen gesellschaftlichen Entwicklungen haben meine Arbeit gewandelt und es braucht jeden Tag die Offenheit des Herzens, mich auf die neuen Lebenssituationen verbindend einzulassen, den Frieden im Kleinen zu fördern und gemeinsam zu leben. Dabei gibt es die klassische Volkskirche schlicht nicht mehr und es ist Neugier und gemeinsames Entdecken des Lebendigen angesagt.»
Im Sonnenberg gibt es alle paar Jahre ein grosses kirchliches Fest mit verschiedenen konfessionellen Feiern. Können Sie mir von diesem erzählen?
«Diese kirchliche Feier im Sonnenberg verbindet für die jungen Menschen mit besonderen Bedürfnissen und komplexen Beeinträchtigungen die Erstkommunion, das Abendmahl, die Firmung und die Konfirmation in einem Fest. Dies findet bewusst nicht in einer Kirche statt, sondern in unserer bekannten Aula, was Sicherheit gibt. Dabei sind Musik, Farben, Lieder und wenig Worte ein zentraler Bestandteil, um das Eingebettet-Sein in das grosse Ganze des Göttlichen auszudrücken. Das verbindende Menschsein steht im Vordergrund – daher leben und feiern wir mit unterschiedlichsten Wurzeln zusammen.»
Fotos: Sonnenberg Archiv