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25.04.2025, 05.00

Erwin Niederberger diente 15 Jahre lang in der Schweizergarde. Er erlebte drei Päpste hautnah – doch Franziskus war anders. Unkonventionell, menschlich und nahbar. In diesem Interview blickt der ehemalige Wachtmeister auf prägende Begegnungen mit dem kürzlich verstorbenen Papst zurück, erzählt von bewegenden Momenten und davon, was von Franziskus bleibt.

Wie haben Sie Papst Franziskus im Vergleich zu Johannes Paul II. und Benedikt XVI. erlebt?
ERWIN NIEDERBERGER: «Was mich bei Franziskus sofort überrascht hat: Er hat sich bewusst gegen die päpstliche Wohnung im Vatikan entschieden. Nicht, weil sie ihm zu luxuriös war, sondern weil er befürchtete, den Kontakt zu den Menschen zu verlieren. Stattdessen zog er ins Gästehaus Domus Sanctae Marthae – und genau dort dienten dann auch wir Gardisten. Das war für uns Neuland – plötzlich lebten und arbeiteten wir unter einem Dach mit dem Papst.»

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Franziskus erinnern?
«Nicht genau – aber eine Anekdote ist mir geblieben: Einmal trug ich ihm einen Stapel Bücher, die er geschenkt bekommen hatte. Wir standen gemeinsam vor dem Lift, und ich sagte im Scherz, dass ich seit zwölf Jahren in Rom sei, aber noch nie mit einem Papst Lift gefahren sei. Da grinste er und meinte nur: ‹Dann wird es Zeit.›  Und tatsächlich – wir fuhren gemeinsam nach oben. Für uns Gardisten war das eine völlig neue Nähe zu einem Papst.»

War Papst Franziskus ein Kontrast zu Papst Benedikt XVI.?
«Ja und nein. Auch Benedikt war uns sehr zugewandt. Ich erinnere mich an gemeinsame Mahlzeiten mit ihm in der Sommerresidenz Castel Gandolfo. Doch Franziskus war nochmal anders – er lebte richtig mit uns im Haus. Er ass täglich mit den Gästen im Speisesaal des Domus Sanctae Marthae, kam nachmittags selbst in die Küche, um sich einen Kaffee zu holen. Ich glaube, Papst Franziskus brauchte den Kontakt zu den Menschen, um geerdet zu bleiben.»

Eine Begegnung von Ihnen mit dem Heiligen Vater machte Schlagzeilen: Im November 2014 durften Sie und Gardist David Geisser Ihr Kochbuch Päpstliche Schweizergarde – Buon Appetito Franziskus auf dem Petersplatz persönlich übergeben. Wie war dieser Moment für Sie?
«Es war für uns unglaublich schön, ihm unser Buch zu überreichen. Es hat mir grosse Freude bereitet, das Projekt zu betreuen. David und ich hatten während der Entstehungsphase des Kochbuchs Franziskus’ Sekretär nach dessen Lieblingsgerichten befragt. Als der Heilige Vater den lateinamerikanischen Karamell-Brotaufstrich Dulche de leche entdeckte, meinte er begeistert: ‹Mi piace molte› – ‹Das habe ich sehr gerne›.»

Gab es eine weitere Begegnung mit Franziskus, die für Sie sehr eindrücklich war?
«Ganz viele. Aber besonders bewegend war für mich ein Moment, bei dem ich gar nicht mehr im Dienst war: Während der Coronapandemie stand Franziskus auf dem menschenleeren Petersplatz und sprach den Segen Urbi et orbi. Diese Geste der Hoffnung und Menschlichkeit werde ich nie vergessen. Auch meine Abschiedsaudienz ist mir sehr in Erinnerung geblieben: Ich durfte zu ihm ins Büro, wir setzten uns an den Tisch und redeten über meine Zukunft. Zum Schluss meinte er, ich solle ihn wieder mal besuchen.»

Und? Haben Sie ihn später besucht?
«Ja, mehrmals. Ich hatte sogar das Privileg, im Gästehaus übernachten zu dürfen. Jedes Mal erkannte er mich wieder, reichte mir die Hand. Das Gefühl, willkommen zu sein, war einfach überwältigend.»

Wie war es für Sie, als Sie am Ostermontag vom Tod des Papstes erfuhren?
«Es kam überraschend – am Vortag hatte er noch den Segen gesprochen und war über den Petersplatz gefahren. Aber ich habe dabei gedacht, dass es ihm wirklich nicht gut ging. Ich glaube, es war eine Erlösung für ihn, gehen zu dürfen.»

Was bedeutet der Tod eines Papstes für den Alltag der Gardisten?
«Auf die Gardisten kommt sehr viel Arbeit und Verantwortung zu. Für die Beerdigung erwartet der Vatikan Gäste aus der ganzen Welt. Zudem sind die Gardisten während dem Konklave verantwortlich für die Sicherheit der Kardinäle. Für uns Gardisten galten damals auch Ausgangsrestriktionen – aber kein absolutes Verbot. Ob das heute noch so ist, kann ich nicht sagen.»

Haben Gardisten beim Tod eines Papstes auch Zeit zum Trauern?
«Ja. Sie dürfen sich persönlich vom verstorbenen Papst verabschieden. Mit Pater Kolumban haben wir einen Seelsorger, der die Gardisten geistlich begleitet und Messen für sie zelebriert.»

Sie sind heute Präsident der Zentralschweizer Sektion ehemaliger Gardisten. Was bedeutet der Tod des Papstes für die Ehemaligen?
«Viele von uns haben ihm gedient – entsprechend tief sitzt die Trauer. Unsere Wallfahrtskerze, die der Heilige Vater letztes Jahr gesegnet hat, brennt aktuell für ihn in Einsiedeln. Einige ehemalige Gardisten hatten vor, für die Vereidigungsfeier der Schweizergarde im Mai nach Rom zu reisen. Diese wurde wegen des Konklaves in den Herbst verschoben. Ich selbst werde trotzdem im Mai hinfahren – vielleicht kann ich dann bereits sein Grab besuchen.»

Was ändert sich für die Gardisten, wenn ein neuer Papst gewählt wird?
«Die grosse Frage wird sein: Wo wird der Papst wohnen? In der päpstlichen Wohnung im Vatikan oder im Gästehaus Domus Sanctae Marthae? Jeder Papst bringt eigene Gewohnheiten und Bedürfnisse mit. Kommt der neue Papst aus der römischen Kurie, wird sich wohl weniger ändern – jemand von aussen könnte neue Impulse setzen.»

Was nehmen Sie von Papst Franziskus mit auf Ihrem weiteren Lebensweg?
«Er hat mich durch seine Einfachheit, Freude, Menschlichkeit und durch seine Güte sehr berührt. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein Seelsorger: Er interessierte sich für die Menschen und setzte sich für Arme ein. Diese Haltung will ich in meinem Leben weitertragen.»

Was erhoffen oder wünschen Sie sich von einem neuen Papst?
«Ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist den richtigen findet. Ob konservativ oder progressiv – das ist für mich zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass er Menschen für den Glauben gewinnen und begeistern kann.»

 

 

Weiterführende Links
Kochbuch Päpstliche Schweizergarde – Buon Appetito
Ehemaligen Gardisten Sektion Zentralschweiz

 

Das Foto zeigt Erwin Niederberger in voller Uniform (Wachtmeister) am 6.5.2013 im Innenhof (Cortile San Damaso) des Papstpalasts bei Ankunft des damaligen Bundespräsidenten Ueli Maurer. Foto: Oliver Sittel