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12.09.2023, 09.35

Der Schlussbericht der Universität Zürich zu den sexuellen Missbräuchen in der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz erschreckt und erschüttert. Er zeigt das persönliche Fehlverhalten einzelner Täter und gleichzeitig systemische Ursachen auf, für welche die Bischöfe, ihre Vorgänger und andere Führungspersonen in der Kirche geradestehen müssen.

Der «Bericht zum Pilotprojekt zur Geschichte sexuellen Missbrauchs im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts» umfasst 135 Seiten und bringt wissenschaftlich nüchtern formuliert Licht in ein sehr dunkles Kapitel der Kirche.

Das Projekt fördert

  • 1002 Fälle sexuellen Missbrauchs
  • mit 921 Betroffenen
  • und 510 Beschuldigten

ans Tageslicht.

Die Lektüre des Berichts und Darstellung konkreter Fälle lässt einen fassungslos und sprachlos zurück. Aus diesem Grund steht auf der Titelseite des Berichts eine Triggerwarnung: «In diesem Bericht geht es um sexuellen Missbrauch. Die Ausführungen bewegen sich auf einer allgemeinen Ebene, enthalten aber auch Schilderungen konkreter Fälle von sexuellem Missbrauch.» Link zum Bericht.

Systemische Ursachen

Der Schlussbericht des Pilotprojekts zeigt auf, dass sexueller Missbrauch und dessen Vertuschung auch in der katholischen Kirche Schweiz System hatte. Wichtige Grundzüge der katholischen Kirche haben sexuellen Missbrauch in diesem Ausmass überhaupt ermöglicht oder gar begünstigt.

Dazu gehören beispielsweise

  • klerikale Machtpositionen und
  • spiritueller Missbrauch,
  • das Priesterbild
  • sowie die Ausbildungs- und Personalpolitik, die künftige Seelsorgende in der Vergangenheit nur ungenügend bis gar nicht auf ihre professionelle Eignung im Umgang mit Menschen geprüft hat.
  • Ebenso ist damit eine Sexualmoral gemeint, die durch eine weitgehende Tabuisierung von Sexualität «verhinderte, dass über Missbräuche gesprochen wurde und diese sanktioniert wurden.»
  • Auch die Haltung gegenüber Frauen, die nicht selten als Arbeitskräfte ausgenutzt wurden, bildete gerade in den von Ordensgemeinschaften geführten Heimen und Schulen eine Grundlage für Überforderung und Gewalt.

Hier die Medienmitteilung der Universität Zürich

Konkrete Massnahmen, um Mängel zu beheben

Viele Kirchliche Institutionen haben in den letzten 20 Jahren bereits verschiedene Schritte unternommen, um das Geschehene aufzuarbeiten und dem Risiko von sexuellen Übergriffen präventiv zu begegnen. Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und KOVOS (Katholische Orden und weitere Gemeinschaften) haben neben der Fortführung der wissenschaftlichen Erforschung weitere Massnahmen beschlossen, um institutionelle Mängel auf nationaler Ebene anzugehen:

  1. Für Betroffene sowie Informantinnen und Informanten sollen schweizweit professionelle Angebote geschaffen werden, bei denen sie Missbräuche melden können.
  2. Künftige Priester, ständige Diakone, Mitglieder von Ordensgemeinschaften und Seelsorgende sollen im Rahmen ihrer Ausbildung standardisierte psychologische Abklärungen durchlaufen.
  3. Für die Führung von Personaldossiers und für die Weitergabe von relevanten Informationen über kirchliche Mitarbeitende werden Mindeststandards eingeführt.
  4. Die Mitglieder aller drei Auftraggeberinnen verpflichten sich, keine Akten mehr zu vernichten, die im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen stehen oder den Umgang damit dokumentieren.

Versagen gestehen – Verantwortung übernehmen

Die Schweizer Bischofskonferenz nimmt die Forschungsergebnisse erschreckt und erschüttert entgegen und gesteht ein, dass zu viele kirchliche Führungspersonen jahrzehntelang verantwortungslos gehandelt haben: «Sie haben die Betroffenen nicht ernst genommen und die Täter geschützt. Sie standen auf der falschen Seite. Sie standen auf der Seite der Täter statt an der Seite der Betroffenen. Sie schützten das Ansehen der Kirche statt die Würde und Unversehrtheit der Menschen, die dadurch unsäglichem Leid ausgesetzt wurden. Sie liessen Täter versetzen und nahmen in Kauf, dass sich Missbräuche fortsetzten. Diese Schuld kann nicht einfach weggewischt werden. Sie ist aufzuarbeiten und muss dabei die Mechanismen der Macht, das Frauenbild, das Priesterbild und die Sexualmoral der Kirche angehen.»

Die Bischöfe anerkennen auch das Leid, das die sexuellen Missbräuche im Leben vieler Menschen, in Familien und deren Umfeld verursacht haben und «versichern, alles Menschenmögliche zu unternehmen, damit die Betroffenen Gerechtigkeit erfahren und sexuelle Missbräuche in Zukunft verhindert werden.» Link zum ganzen Statement der SBK.

In ihrem Statement schreibt die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz, sie sei «erschüttert über das unbeschreibliche Leid, das den von Missbrauch betroffenen Menschen im Umfeld der Kirche zugefügt worden ist. Anstelle von Hilfe, Segen und Respekt haben sie Gewalt und Erniedrigung erfahren. Viele Verantwortliche in der Kirche reagierten mit Schweigen und Vertuschen auf diese Verbrechen. Das ist zutiefst beschämend.» Link zum ganzen Statement der RKZ.

Abt Peter von Sury sagt als Vertreter der katholischen Orden und weiteren Gemeinschaften KOVOS: «Es ist offensichtlich, dass die Ordensinstitute und religiösen Gemeinschaften ein Teil des Problems sind (…) Es zeigt sich immer deutlicher, dass gewisse fehlgeleitete Formen des Ordenslebens den Nährboden bildeten für viele Formen von Grenzverletzungen, Manipulation, psychische Gewalt und Missbrauch. Schliesslich kam es auch in den von Ordensgemeinschaften geleiteten Schulen und Heimen zu Übergriffen durch Leitungs- und Lehrpersonen und Angestellte, aber ebenso aufseiten der Schülerinnen und Schüler untereinander.» Link zum ganzen Statement der KOVOS.

Die Medienkonferenz wurde live übertragen und steht hier zum Nachschauen zur Verfügung:

Alle Dokumente (Studie, Statements, Informationen für Betroffene etc.) finden Sie auf der Website www.missbrauch-kath-info.ch